Mit dem Rücken zur Wand - Leseprobe

 

„Ich glaube, du hattest jetzt genug Wein, Marcas. Erzähl mir endlich, warum wir mitten in der
Nacht ein Lagerfeuer entfachen? Wir haben nicht einmal etwas zum Braten dabei."
Roald stupste mit seinem alten Stiefel etwas an, das wie ein Stück Kohle aussah.
„Außer diese jämmerlichen Kartoffeln. Und dieser alte Holzschemel, den du mitgebracht hast,
bricht jeden Moment zusammen."
Der Schemel war überdies viel zu klein für den groß gewachsenen Roald. Sein Rücken formte einen
runden, schmerzenden Buckel, die abgewinkelten Knie standen fast auf Augenhöhe und umrahmten
sein schmales Gesicht. Mit seinem spärlichen Bartwuchs wirkte Roald etwas jünger, als er
tatsächlich war.
Fluchend trat er die verkohlte Kartoffel zurück ins Feuer.
„Der Trick ist", erklärte Marcas nachsichtig, als spräche er mit einem kleinen Kind, „die Kartoffel
nicht zu lange im Feuer zu lassen. Siehst du?"
Marcas fischte eine Kartoffel aus der Glut und warf sie ein paar Mal zwischen seinen Händen hin
und her, während er darauf blies. Als sie kalt genug war hielt er sie seinem Gegenüber
triumphierend hin. Roald rollte entnervt die Augen.
„Danke für die Unterweisung, Marcas", seufzte er. „Hast du mich von meinem Hof gezerrt, um mir
zu zeigen, wie man Kartoffeln brät?" Marcas stellte seine Nerven auf eine harte Probe. „Meine Frau
muss zu Hause eine Zusatzschicht einlegen. Wir haben viel zu tun auf den Feldern und eine kranke
Stute braucht viel Aufmerksamkeit." Roald ließ seine Worte einige Sekunden wirken, ehe er
fortfuhr. „Sag mir endlich, was du so dringend von mir willst!"
Marcas hatte ihn heute Nachmittag nach längerer Abwesenheit überraschend am Hof besucht und
ihn gebeten, den Abend mit ihm zu verbringen – ja, er hatte ihn förmlich dazu gedrängt. Nun wurde
Roald langsam ungeduldig, denn bislang erschöpften sich die Höhepunkte des Abends im Knacken
der Glutherde und den langsam einsetzenden Gesängen der Nachtigallen.
Marcas stand jetzt direkt neben Roald, völlig unbeeindruckt von dessen Wutausbruch und mit
angesetztem Weinschlauch. Er lehnte sich weit zurück und nahm ein paar kräftige Züge. Energisch
presste und schüttelte er den Schlauch, um ihm auch noch den allerletzten Tropfen zu entlocken.
Offensichtlich befriedigte ihn das Ergebnis nicht sonderlich. Fluchend schleuderte er den Schlauch
in das tiefer gelegene Blattwerk der Eiche, unter der sie saßen, und scheuchte dadurch ein paar der
singenden Nachtigallen auf. Unter vorwurfsvollem Zwitschern suchten sie das Weite.
Marcas rülpste laut und strich sich mit dem Handrücken über den feuchten Mund. Ein paar Tropfen
perlten über das dichte, schwarze Gestrüpp, das sich von einem Ohr zum anderen erstreckte. Schon
bückte er sich nach der breiten Holzkiste, um nach einer Flasche Wein zu greifen. Noch ehe seine
Finger den dünnen Hals umschlossen, hechtete Roald von seinem Schemel und packte die mächtige
Flasche. Sie war so dick, dass die Fingerspitzen von Roalds großen Händen sich gerade noch

berührten. Mit ausgestrecktem Arm im Gras liegend sah er zu Marcas hoch, wie ein Bettler, der um
einen Schluck Wasser flehte.
„Marcas!", schrie Roald.
Marcas sah dem jüngeren Mann fest in die Augen – so fest, wie er noch konnte. Die Augen zu
schmalen Schlitzen verengt und mit einer hellroten Nase schweifte sein Blick immer wieder zur
Straße ab, neben der sie saßen.
„Roald … stell dich niemals zwischen einen Sänger und seinen Wein", brachte er schließlich hervor.
Bei den Worten torkelte er, als wäre das Reden eine große Anstrengung. Sein Blick fixierte das
Objekt der Begierde, seine Miene versteinerte.
„Erzähl mir, warum wir seit drei geschlagenen Stunden fernab der Stadt an einem Lagerfeuer am
Straßenrand sitzen", erwiderte Roald.
„Erst der Wein", beharrte Marcas.
Marcas riss an der Flasche, doch Roald packte nur noch fester zu. Aus seinen Fingern war jedes
Blut gewichen. Sie sahen aus, als trüge er fünf blasse Fingerhüte. Da fiel ihm das Etikett auf. Es war
kaum noch leserlich, aber Roald erkannte das Zeichen der gräflichen Kellerei dennoch – eine
hölzerne Weinpresse auf blassblauem Hintergrund, der die Burg des Landgrafen zeigte. Obwohl
Marcas seit Jahren am gräflichen Hof sang und dichtete, konnte ihm diese Flasche nicht zustehen.
Diese Sorte war dem Adel vorbehalten.
Roald ließ los. Er würde ihn später danach fragen. Erst sollte Marcas plaudern. Während dieser
seinen Durst stillte, stand Roald auf und rückte den Schemel näher ans Feuer. Zwar waren die Tage
schon recht warm, doch die Nächte trugen noch den Spätwinter in sich. Er warf die letzten
trockenen Äste ins Feuer. Marcas hingegen schien der Alkohol zu wärmen. Er saß ein paar Schritte
weit vom Feuer weg an die Wurzel der mächtigen Eiche gelehnt.
„Kennst du
ihre Geschichte?", fragte er endlich.
Marcas deutete mit der freien Hand die Straße entlang. Roald musste sich nicht umdrehen, um zu
wissen, wen er meinte.
„Du meinst die alte Frau in dem Anwesen hinter dem Wald?"
„Oh, sie ist nicht alt. Sie ist nur schon ziemlich lange tot. Aber als sie starb, da war sie jung und
schön."
„Ja … man erzählt sich so manches über ihren Tod. Sie soll auf einer brennenden Kutsche in eine
Schlucht gestürzt sein – mit ihren beiden Kindern darin. Aber seit wann interessierst du dich für alte
Legenden?"
„Ich bin Sänger am Hof des Landgrafen, mein Freund – und das schon ziemlich lange. Es ist meine
Aufgabe, Geschichten vorzutragen. Willst du wissen, was wirklich mit ihr passiert ist?"
„Was? Nein …"

„Ich erzähle es dir."
Roald verdrehte die Augen und deutete mit seinen gestreckten Händen ein Klatschen an.
„Dann wirf schon den Wein herüber."
Marcas protestierte nicht, sondern warf die Flasche über das Feuer in Roalds Arme. Das ging ja
einfach.
„Danke", sagte Roald mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Es war ein kühler Abend", begann Marcas, „als Weyla, die Herrin des Anwesens hinter dem Wald,
ihre Tochter Alannah und ihren Sohn Kian zu Bett brachte. Obwohl der kleine Kian kaum gehen
gelernt hatte, gehörte ihm schon ein eigenes Zimmer. Und was für eines! Von den ärmeren Bauern
mussten sich ganze Familien ein Zimmer von solcher Größe teilen. Viele, die davon wussten,
beneideten ihn darum. Doch der Kleine mochte es nicht. Nachts jagten ihm die hohen Wände und
die langen Schatten Angst ein und brachten ihn zum Schreien. Wenn es besonders schlimm war,
durfte er im Zimmer seiner großen Schwester schlafen. So wie in jener Nacht – und das kam Weyla
sehr gelegen."
„Marcas", unterbrach Roald ihn, „hältst du mich im Suff etwa für den Landgrafen? Kannst du bitte
schneller zum Punkt kommen? Du musst mir nicht jedes Detail vortragen. Ich werde dich auch
nicht dafür bezahlen … Gott bewahre."
„Zuerst vergewisserte sich Weyla, ob die Kleinen auch schon in ihren Betten lagen", fuhr Marcas
unbeeindruckt von Roalds Kritik fort. „Leise wie der Tod, um sie nicht zu wecken. Sie hatte ihnen
eine besonders feine Mahlzeit zubereitet, damit sie tief und fest schliefen. Manche meinen, sie hätte
ihre Kinder betäubt oder verhext, aber das ist Schwachsinn, wenn du mich fragst."
Roald hatte nicht vor zu fragen. Gelangweilt nahm er einen Schluck des gräflichen Weins. Dennoch
ertappte er sich dabei, wie er einen kurzen Blick über die Schulter die Straße entlang warf. Er folgte
ihrem kurvenreichen Verlauf, bis zu dem Punkt, wo sie in einen dunklen Kiefernwald eintauchte.
Das Land stieg hier stetig an und so konnte er hinter dem Wald die Spitze des Anwesens erkennen.
Wie ein Mahnmal, das eigentlich verborgen bleiben sollte, ragte es über die Baumwipfel.
In Marcas' Augen glitzerte es, während er fortfuhr.
„Weyla schritt durch den Garten zum Speicher, um Reisig und Holz zu holen. Immer und immer
wieder und als der Speicher leer war, stand der Mond ein gutes Stück höher. Sie schlichtete die
Holzscheite gewissenhaft unter die Betten und streute den Reisig in die Ritzen und Hohlräume. Die
übrigen Scheite lehnte sie seitlich und am Fußende gegen die Bettkante. Alannah und Kian indessen
schliefen den Schlaf der Seligen. Der Kleine hatte auch in Alannahs Zimmer ein eigenes kleines
Gitterbett. Ich bin mir sicher, Weyla hat sich insgeheim ins Fäustchen gelacht deswegen – so gab es
keine Möglichkeit für ihn, den Flammen zu entkommen."
Marcas verlangte nach der Flasche, um seinen Gaumen zu befeuchten. Roald wusste, was nun

folgte. Weyla hatte das Feuer gelegt, die Tür verschlossen, war die Treppe hinunter gestiegen und
hatte sich an den großen Esstisch gesetzt.
„Das Knacken des brennenden Reisigs schallte durch die totenstille Nacht wie Peitschenhiebe",
posaunte Marcas mit gen Himmel gestreckter Flasche. „Weyla hörte zu. Grauschwarzer Qualm
kroch die Treppe hinunter und brannte ihr Tränen aus den Augen. Erst als ihre Kinder hustend zu
sich kamen und die wehklagenden Schreie das Anwesen durchdrangen, kam sie zu sich. Was muss
in diesem Moment in ihr vorgegangen sein, Roald? Sie sprang auf, sodass der Stuhl regelrecht nach
hinten schoss und stürmte die Treppe hoch. Drei Mal, so sagt man" – Marcas unterstrich seine
Worte mit einer aufwändigen Geste - „glitten ihr die Schlüssel durch die zittrigen Finger, ehe sie in
das qualmende Zimmer stürzte. Alannah versuchte verzweifelt, ihren kleinen Bruder aus seiner
Todesfalle zu befreien, doch die hochzüngelnden Flammen drängten sie immer wieder zurück.
Ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben fischte Weyla den Kleinen aus dem Bett und packte ihre
Tochter. Lebenden Fackeln gleich rannten sie aus dem Haus hinaus zu dem Zweiergespann neben
dem Einfahrtstor. Als die Rösser die sengende Hitze der Kutscherin spürten, stürmten sie davon.
Das Dorf erreichten sie nicht mehr."
Marcas legte eine kurze Pause ein, um die Geschichte wirken zu lassen und gönnte sich einen
weiteren Schluck aus der Flasche.
„Seitdem, so sagt man, sei sie verflucht", fügte Marcas hinzu. „Auf eine gewisse Art war sie es
wohl vorher schon. Der tragische Verlust ihres Mannes hatte sie … seltsam werden lassen, doch ich
denke, etwas hatte von ihr in jener Nacht Besitz ergriffen. Warum sonst sollte sie so etwas tun? Und
letztlich doch versuchen, es abzuwenden?"
„Und immer wenn es brennt und Kinder in Gefahr sind muss sie ausreiten, um sie zu retten",
nuschelte Roald wie weggetreten. Marcas' Interpretation schien er nicht gehört zu haben, sondern
spann die Legende gedanklich selbst zu Ende.
„Doch sie kommt immer zu spät", schloss er und starrte seinen Freund mit großen Augen an.
„Genauso ist es. Ein schrecklicher Fluch, der sie ihre Tat und das Leid ihrer beiden Kinder immer
aufs Neue erleben lässt."
In der Glut knackte es und Funken stoben davon. Roald schüttelte sich und dämpfte schnell einen
Funken aus, der sich durch seine Hose brennen wollte. Etwas in Marcas' Stimme jagte Roald einen
Schauer über den Rücken. Sein Freund machte sich normalerweise nichts aus solch alten Legenden.
Aber da war noch etwas. Wenn Marcas schon eine Märchenstunde veranstalten wollte, warum
ausgerechnet hier im Freien? Wollte er ihm etwa Angst einjagen? Er sah vielleicht jung aus, aber er
war kein Kind mehr.
Marcas saß wieder an den Baum gelehnt da und hüllte sich in Schweigen.
„Und
deswegen hast du das alles veranstaltet?", sagte Roald, nur um das Schweigen zu beenden.
„Das hättest du mir auch zu Hause erzählen können bei einer Tasse heißem Tee."
Roald spürte einen Stich und schlug blitzartig mit der Handfläche auf seinen linken Ellbogen.
„Da hätten uns auch die Mücken nicht …"
Marcas sprang auf, die Augen weit aufgerissen.
„Still jetzt!", zischte Marcas mit einer vielsagenden Geste. Mit einem Schlag schien er vollkommen
nüchtern zu sein. „Da kommen Soldaten des Landgrafen. Sie dürfen mich nicht sehen."
Marcas schwang sich über die gewölbte Eichenwurzel in einen struppigen Busch. Seine Flüche
ließen Roald vermuten, dass die Äste auch Dornen trugen. „Lass dir irgendetwas einfallen!
Erwähne unter keinen Umständen meinen Namen!"
„Ich verstehe nicht, was …"
„Schönen guten Abend, der Herr." Die tiefe Stimme des Soldaten schien einen eisigen Wind
mitzubringen.